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Die inspirierenden Gärten Südenglands

Die inspirierenden Gärten Südenglands

Dass die Engländer fanatische Gartenliebhaber sind, ist allgemein bekannt und anerkannt. Warum das so ist, darüber gibt es unzählige Theorien, Vermutungen und Legenden, die von gesellschaftspolitischen Prozessen über den Kolonialismus (insbesondere Einflüsse aus „natürlicheren" fernöstlichen Gärten) bis zum milden aber feuchten Golfstromklima reichen. Darauf auch nur grob einzugehen, würde den Rahmen hier bei Weitem sprengen.

Tatsache ist jedenfalls, dass es in keinem anderen Land so viele ganz große bis kleine Gärten gibt, die derart raffiniert angelegt und gut gepflegt sind wie in England. Raffiniert bedeutet in diesem Zusammenhang: alles schaut sehr „natürlich", ungezwungen, fast zufällig, manchmal beinahe leicht verwildert aus („perfektionierte Nachlässigkeit" oder „harmonisches Durcheinander" (Alexander Pope 1688-1744)) - dabei stecken dahinter genau die gegenteiligen Begriffe: minutiöse Planung und enormes Fachwissen für die diffizile und meist sehr aufwändige Pflege!

Insbesondere ist es die üppige Verwendung von unzähligen Stauden und deren vielen Zuchtformen in fein abgestimmten Farbkombinationen sowie hohen Gräsern (also mehrjährigen aber nicht verholzenden Gewächsen), die mit Gehölzen, Steinen, Mauern, Wasser, Natursteinwegen, in deren Ritzen sich Glockenblumen ausbreiten dürfen, lauschigen Lauben und dem legendären Rasen so geschickt kombiniert und angeordnet werden, dass sich ein unverwechselbares Ganzes „ergibt" in dem fast das ganze Jahr über etwas blüht oder andere „Farbtupfen" die Aufmerksamkeit auf sich lenken. In Mitteleuropa können wir davon meist nur träumen - oder eben nach England fahren, Gärten besuchen, diese genießen und Anregungen aufsaugen wie ein Schwamm das Wasser. Gärten sollen Empfindungen wecken, Emotionen hervorrufen, Erinnerungen wachhalten – alle Sinne der Besucher sollen angesprochen werden, nicht nur das Auge.

In der Folge will ich Sie auf einige bekannte und weniger bekannte Gärten im Süden Englands hinweisen und im ganz im Südwesten beginnen:

Nahe Landsend, an der Südküste Cornwalls gibt es das „Gartentheater" MINACK THEATRE, ein Amphitheater mit Gartenterrassen in spektakulärer Lage, das Lebenswerk von Rowena Cade.

ST. MICHAEL´s MOUNT: ein „Inselbergerl" vor dem Ort Marazion in Cornwall, gekrönt von einem mächtigem Schloss aus dem 15. Jahrhundert. Die steilen Abhänge nach allen Seiten sind mit unzähligen Pflanzen bewachsen und durch Wege gut erschlossen. Die Insel liegt wenige 100 Meter vor der Küste und ist bei Ebbe nur zu Fuß zu erreichen, bei Flut mit einer Fähre.

Das Eden Projekt ist ein botanischer Garten bei Bodelva etwa 8 km nordöstlich von St. Austell. Es ist nach einer Idee des englischen Musikproduzenten, Archäologen und Gartenliebhabers Tim Smit in einer stillgelegten Kaolingrube entstanden und beherbergt die derzeit größten Gewächshäuser der Welt (23.000 m²), in deren außerirdisch anmutenden Kuppelzelten ganz unterschiedliche Klimazonen simuliert werden. Hier werden etwa 100.000 Pflanzen von ca. 5.000 Arten gezogen.

Unweit des Eden Projektes wartet eine weitere Attraktion auf den Besucher: The lost Gardens of Heligan (ca. 8 km südlich von St. Austell). Hier handelt es sich um eine riesige Anlage im Stil eines englischen Landschaftsparks mit einem Schluchtgarten, einem über 200 Jahre alten Ziergarten, Nutzgarten, Dschungel und das Lost Valley, das nahtlos in die extensiv beweidete Landschaft der Umgebung übergeht.

Hestercombe House bzw. GARDEN liegt nahe Cheddon Fitzpaine und nördlich der Stadt Taunton in der Grafschaft Somerset. Die Gartenanlage umfasst drei einzelne Gärten aus unterschiedlichen Stilepochen (16 ha Georgianischer Landschaftspark; Viktorianischer Garten mit dem so genannten „Grey Walk-Staudengarten" und der formale Edwardianische Garten von ca. 1905). Ein Schmuckstück!

Der Garten von Stourhead in Wiltshire ca. 180 km westsüdwestlich von London ist ein gutes Beispiel für den medialen Transfer von der Malerei zum Garten: der Maler löst den Architekten als Gartenkünstler ab, dessen Qualifikationen werden ergänzt durch die des "landscapist" ("Landschafters"), ein Begriff, der seit dem späten 18. Jahrhundert den Gartenkünstler mit dem Maler und dem Dichter zusammenschließt.

Groombridge Place liegt in der Nähe von Tunbridge Wells in der Grafschaft Kent und ist einer der wenigen Gärten aus dem 17. Jahrhundert, der die spätere Landschaftspark-Bewegung überlebt hat und gerade deshalb so interessant ist.

Die „Royal Horticultural Society" unterhält in Wisley (Grafschaft Surrey) einen Garten, der als Versuchsfeld aller aktuellen Gartenansprüche genutzt wird. Hier werden Gärtner ausgebildet, Blumen, hinsichtlich der verschiedensten Qualitätsmerkmale geprüft, ausgezeichnet und verkauft, der Öffentlichkeit stehen zahlreiche unterschiedliche Schaugärten und Gewächshäuser, aber auch Gartenmärkte und Ausstellungen zur Verfügung.

Der Derek Jarman Garden in Dungeness, Kent ganz im Südosten Englands, ist sicher der „eigenartigste" Garten, den der Künstler und Filmregisseur Derek Jarman nach seiner Aids-Erkrankung aus Feuersteinknollen, Treibholz, verrosteten Eisenteilen, Glasbrocken und wenigen hier gedeihenden „Salzpflanzen" gestaltete. Er begriff dies als Versuch der Heilung einer Landschaft, die von dem nahe gelegenen Kernkraftwerk dominiert wird.

Natürlich ist ein Besuch der Gärten von Hampton Court Palace und Kew Gardens (Royal Botanic Gardens, Kew) im äußersten Südwesten Londons im Stadtbezirk Richmond upon Thames für jeden Gartenliebhaber Pflicht!

Falls Sie Lust auf eine englische Gartenreise bekommen haben, dann haben meine Zeilen ihr Ziel erreicht. Viel Garten(traum)vergnügen!

VIKING Garten-Experte
Prof. Karl E. Schönthaler