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Gärten in Südamerika und Europa – ein Vergleich mit historischem Rückblick

Gärten in Südamerika und Europa – ein Vergleich mit historischem Rückblick

Gärten sind vom Menschen geschaffene, gestaltete Freiräume bei denen Pflanzen die Hauptrolle spielen. Gärten gibt es zumindest seit der Antike (Indien, Ägypten, Persien, Griechenland, Römisches Reich usw.). Die Ausprägung der Gärten ist in den verschiedenen Kulturkreisen durch Klima, Religion, politisches System, „Mode" usw. sehr unterschiedlich. Denken wir etwa an Renaissance- und die späteren Barockgärten: absolutistische Repräsentation enormen Ausmaßes stehen im Vordergrund; die Pflanzen dürfen nicht natürlich wachsen, sie werden minutiös beschnitten und so angeordnet, dass sie ein streng ornamentales Muster ergeben. Rasenflächen sucht man hier vergeblich. Ja es gab sogar eigene „Musterbücher" – ähnlich einem Tapetenkatalog, wo sich der jeweilige fürstlich oder königliche Auftraggeber orientieren konnte. Das berühmteste Beispiel eines solchen Barockgartens war zweifellos jener von Versailles von Ludwig XIV., der vielen europäischen Herrscherhäusern als Vorbild diente.

Aufgrund ihrer Herkunft wurden sie auch als „französische Gärten" bezeichnet, waren allerdings in ganz Europa verbreitet: von St. Petersburg bis Sizilien (Villen von Bagheria bei Palermo). Ab der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts waren dann nicht mehr „in Mode" (auch auf Grund der französischen Revolution). Eine neue „Mode" löste den Stil ab: der „englische Landschaftsgarten". Viele der Barockgärten wurden dem neuen Grundsätzen gemäß umgestaltet; sozusagen ein Kontrastprogramm zum streng geometrischen „Architekturgarten". Alles sollte nunmehr „Natur" sein, wobei diese mehr vorgespielt als echt war, denn es lag ein minutiöses Gestaltungskonzept - eine „Inszenierung"- zugrunde, weit weg von freien Entfaltungsmöglichkeiten für die Natur; vielmehr ein Kunstwerk, das sich an der Ästhetik eines Landschaftsgemäldes der idealen Landschaftsmalerei orientiert. Allein in Deutschland gibt es z.B. über 100 dieser Parks. Die größte Anlage dieser Art in Europa ist die etwa 20.000 ha umfassende Kulturlandschaft Lednice (Eisgrub) in Südmähren, Tschechien.

Den Gestaltungsprinzipien des „englischen Landschaftsgartens" wird vielfach bis in die Gegenwart gehuldigt, wenngleich es zwischenzeitlich, etwa in der 1920er Jahren, wieder eine geometrischere Formensprache gab.

Eine ganz andere Entwicklung der Gartenräume kam aus dem orientalisch-arabischen Raum über die Mauren nach Spanien. Ab etwa 710 n. Chr. eroberten muslimische Heere große Teile Spaniens und herrschten hier fast 800 Jahre lang. Die orientalisch-arabische Auffassung von Freiräumen sind religiös und klimatisch bedingt völlig anders als die des „Westens": in sich geschlossene Hof-Räume mit Brunnen und geometrischen Wasserläufen als zentrale Elemente. Die wichtigsten Beispiele dazu findet man in Granada (Südspanien) in Form der Generalife (bedeutet so viel wie „Garten des Architekten") und Alhambra aus dem 14. Jahrhundert. Nach der (Wieder)-Christianisierung ab 1492 wurden allerdings wesentliche Elemente der maurischen Gärten beibehalten und prägen bis heute den typischen spanischen Patio, den Hofgarten, oft mit zentralem Brunnen und üppigem Pflanzenwuchs, vielfach in großen Töpfen gezogen.

Diese Bauweise gelangte über die Kolonisation nach Lateinamerika und ist heute hier die am weitesten verbreitete Gartenform, weshalb es nur selten Rasenflächen gibt. Klammern wir das wohl längste der düsteren Kapitel europäischer Geschichte hier aus: die Eroberung, Aneignung, Versklavung, Ausbeutung von Lateinamerika bei der von den unzähligen indigenen Stämmen der vorkolumbianischen Zeit nur wenige überlebt haben und weiterhin zunehmend bedroht und Globalisierungsverlierer sind….

Als Beispiel wollen wir Kolumbien näher betrachten, das nordwestlichste Land des Südamerikanischen Kontinents. Es umfasst zwar nur 6 % von Südamerika ist aber dennoch flächenmäßig fast so groß wie Deutschland, Frankreich und Italien zusammen, hat aber nur etwa 48 Millionen Einwohner, die wegen des angenehmeren Klimas auf die Andenregion konzentriert sind. Die östlichen flachen „Llanos" machen mehr als die Hälfte der Landesfläche aus, beherbergen aber nur 3 % der Bevölkerung. Wegen der vielfältigen Topographie Kolumbiens (ständig schneebedeckte Gipfel mit bis zu 5.750 m) gibt es hier alle erdenklichen Klimazonen: Gebiete mit 16.000 mm Jahresniederschlag ebenso wie Wüsten. Insgesamt kommen in Kolumbien etwa 50.000 Pflanzenarten vor, davon etwa 3.500 Orchideen (Deutschland hat vergleichsweise insgesamt 4.100 Pflanzenarten). Für einen „europäisch geprägten Gartenmenschen" ist das Land allein schon wegen der Pflanzenvielfalt faszinierend, gleichzeitig aber frustrierend, weil man nur ganz wenige Pflanzen erkennt und von den meisten nicht einmal die Familie jemals gehört hat. Selbst in einem Gemüse- und Obstladen erkannt man bestenfalls die Hälfte der angebotenen Waren, oder haben Sie in Europa schon einmal von Lulo, Guanabana, Curuba oder Yacon gehört?


Prof. Karl E. Schönthaler
VIKING Garten-Experte